|
Einst überzogen
sie nahezu die gesamte DDR: Pionierlager. Meist Bungalowdörfer,
die nur von Frühjahr bis Herbst nutzbar waren, wurden einige
in den achtziger Jahren für die ganzjährige Nutzung ausgebaut.
Die Edellager waren an der Ostsee angesiedelt oder an schönen
Seen im Brandenburgischen - in der Nähe von Berlin. Im Sommer
waren diese ursprünglich ideologisch angelegten Einrichtungen
Oasen für Pioniere und FDJler, die dort zumindest seit Anfang
der achtziger Jahre freilich völlig normale Ferien verlebten:
mit Baden, Fußball, Disko, Tischtennis, Rockkonzerte, Ferienlagerliebe.
Appelle für den Frieden mit den üblichen Reden oder Diskussionsrunden
gegen das "Wettrüsten" waren unbedeutsame Begleiterscheinungen
geworden, die die Ferienlager nicht weiter störten. Die meisten
ehemaligen Besucher haben folglich höchst angenehme Erinnerungen
an diese Ferien zum Superspartarif in einer wunderschönen Natur.
Ariane Kraus
fängt aus der Warte einer Person, die Pionierlager nur aus
Erzählungen kennt, die Gegenwart der Camps "Lilo Herrmann"
und Feliks Dzierzynski" in Bad Saarow/Brandenburg ein. Zentraler
Aspekt war weniger eine technisch an die Grenzen gehende Fotografie,
sondern der Versuch, Vergangenheit und Gegenwart wie auch Erinnerungen
und Gedanken in einen sanften bildlichen Kontext zu setzen. Das
unbearbeitete Ergebnis ist souverän: Geschichten, von denen,
die "dabei gewesen", kollidieren mit dem Nichtwissen jener,
die so etwas in ihrem Land nicht kannten. In den leicht aufgepixelten
Bildern entstehen bei den Unbeteiligten eigene Geschichten, alte
Geschichten finden in Verklärung zurück.
Nach der Wende
überlebten nur die wenigsten Pionier- und FDJ-Lager. Sie waren
anachronistisch geworden, die Finanzierung über den Staat,
die Pionierorganisation oder die Freie Deutsche Jugend (FDJ) eine
Utopie, ohnehin interessierte sich damals niemand für dieses
Randproblem. Die Frage einer Nachnutzung stellte sich nicht, auch
wenn sie sich - in welcher Form auch immer - manchmal ergab.
Ariane Kraus
bildet in ihren Fotografien kommentarlos die Realität einer
scheinbaren Abendstimmung mit ihren Unschärfen ab, die mehr
vom Untergang der DDR und der sich anschließenden Veränderung
erzählen als manches Geschichtsbuch. Das Lager "Lilo Herrmann"
ist in Struktur und Gebäuden weitgehend erhalten geblieben,
Vandalismus spielt jedenfalls bislang keine Rolle. Scheinbare Ordnung,
Einsamkeit, gewachsene Natur und nur aus der Nähe ersichtlicher
Verfall kollidieren in den Fotografien mit den Erinnerungen jener,
die dort gewesen waren - als Pionier oder FDJler, die vom großen
Spiel in diesem Alter nichts verstehen konnten. Heute herrscht dort
eine merkwürdige Stimmung, als könne im Frühjahr
der Betrieb sofort wieder losgehen.
Anders im Nachbarlager
"Feliks Dzierzynski", das 1952 eröffnet worden war.
Ganz dem Klassenkampfbild der heutigen Linken entsprechend, ist
auf dem Areal jetzt eine Ressortanlage mit Hotel, Appartements,
Eigentumswohnungen, Reit- und Tennisanlage sowie einer Golfanlage
angesiedelt. Die Hauptfläche des ehemaligen Pionier- und FDJ-Lagers
wird von einem Golfplatz eingenommen. An dieses Lager erinnert nur
mehr der kleine Badestrand am Scharmützelsee und ein ehemaliges
Pförtnerhäuschen an einer Nebeneinfahrt.
Die Umwidmung
von großen Landschaftsarealen ist ein Phänomen, das spätestens
seit der Renaissance im Bewusstsein der Menschen verankert ist.
Eine größere Umstellung in einem so extrem kurzen Zeitraum
wie sie auf dem Gebiet der ehemaligen DDR in den 90ern geschah,
dürfte in der Moderne freilich bislang unbekannt gewesen sein.
Die Pionierlager sind letztlich auch nur ein Sonderfall wie die
Umwidmung von großen Jagd- und Parkarealen im Feudalismus.
Zurück
bleiben letztlich die sichtbaren Ruinen und die persönlichsten
Erinnerungen - mehr noch als hochgestochene Neunutzungen: "Gern
denke ich an die Aufenthalte mit meinen Pionieren in den Pionierlagern
zurück, so im Zentralen Pionierlager ,Lilo Herrmann' in Bad Saarow
Strand. Dort haben wir im ,Korbine Früchtchen-Wettbewerb' Birkenblätter,
Zinnkraut, Spitzwegerich, Brennnesseln u. a. Kräuter gesammelt,
getrocknet und zur Teeaufbereitung abgegeben, waren viel baden und
oft im Kino." (Marion Tuemmler; sunflowers-page.de)
|