Galerie grounded
 
 
 
 

Galerie grounded Interim
Stephanie Marx

Druckgraphik
Museum Villa Esche
Parkstraße 20, 09120 Chemnitz
20.04.-10.06.07
Zur Eröffnung spielte Alexander Lörenczy (Gitarre, Eberhard-Pilz-Combo).

Bekenntnis zur Wirklichkeit - Mechanik ist schön Die künstlerische Auseinandersetzung mit dem Heute kann auch mit traditionellen Mitteln geführt werden. Die Techniken des Holzschnittes und des Linolschnittes/-stiches bieten viele Möglichkeiten, die sich erst erschließen, wenn man sie ernsthaft erprobt. Der Blick zurück wird so zum Blick nach vorn. Noch existieren an der Hochschule für Grafik und Buchkunst (HGB) Leipzig die gut ausgestatteten Werkstätten.

Meine Arbeit verstehe ich als eine Suche nach Möglichkeiten, die eigenen Bildwelten in diesen künstlerischen Techniken zu verwirklichen. Die Bilder bleiben gegenständlich lesbar, führen den Betrachter jedoch in eine Scheinwelt.

Der Linolschnitt/-stich kann durch Exaktheit bestechen und funktionale sowie räumliche Zusammenhänge verdeutlichen. Ausgangspunkt meiner Arbeit auf diesem Gebiet war ein russisches Lehrbuch über die Montage von Traktoren. Die darin enthaltenen Explosionszeichnungen geben konkrete Handlungsanleitungen. Zugleich geht von ihnen eine ästhetische Faszination aus, die mich dazu anregte, sie ins Phantastische zu übersteigern und zu verwandeln.

Mich fesselt die Mechanik von Maschinen, deren reale Existenz bisweilen lange Jahre zurückliegt. Im Gegensatz zu moderner Technik sind die Kraftwirkungen alter Apparate und Fahrzeuge optisch nachvollziehbar. Ein Speicherchip ist abstrakt - aber ein Zahnrad greift ins andere. In meinen Arbeiten bleibt die Präzision solcher Darstellungen erhalten, aber die Kräfte wirken ins Leere. Die Technik wird mit fremden Elementen kombiniert. Ergebnis ist eine imaginäre Welt: Fahrzeugteile formen sich zu einem röhrenden Hirsch und Pflanzen wachsen üppig aus Rohren, Rädern, Federungen und Stangen. Auf ungeahnte Weise kommen Mensch und Natur in Übereinstimmung.

Die Vorlagen für die Druckstöcke entstehen erst im Kopf und dann am Rechner. Details technischer Zeichnungen werden neu kombiniert und aus ihrem ursprünglichen Zusammenhang gelöst.

Als nächstes ist ein Projekt geplant, das an solche Erfahrungen anknüpft und sie weiterführt. Linolschnitte/-stiche sollen einerseits in ihrer Feinlinigkeit erhalten bleiben, andererseits ins Große übersteigert werden. Da das Format der Pressen dafür nicht ausreicht, wird jedes Blatt im Handabrieb entstehen. Der Arbeitsaufwand ist erheblich. In dieser Dimension müssen die traditionellen Techniken beweisen, dass sie ihren Platz in der Gegenwart behaupten können.

Mehr und mehr sind metallene Überbleibsel jüngerer Vergangenheit nur noch in Büchern oder real auf Schrottplätzen zu finden. Anders in Brasilien: dort kann ein alter Bus am Straßenrand liegen. Ein mehrwöchiger Studienaufenthalt 2004 führte zu ersten großformatigen Holzschnitten. Erlebnis, Erinnerung und Phantasie überlagern sich: Tropische Gewächse greifen in die Mechanik ein.

Neben den zartgliedrigen, skurrilen Linolschnitten/-stichen machen große, farbige Holzschnitte seitdem ein zweites Hauptfeld meiner Arbeit aus. Ein poetischer Grundton herrscht vor: Es entstehen in dieser Technik monumentale Formen durch Vereinfachung sowie zurückgenommene Farben.

In den großen Holzschnitten arbeite ich mit unterschiedlichen Mitteln von Raum- und Flächensuggestion. Die Struktur des Holzes bleibt vielfach sichtbar, erscheint aber nicht als künstlich, sondern integriert sich in die Darstellungen. Auf solche Wirkungen hin werden schon die für den Schnitt verwendeten Druckstöcke/-bretter ausgewählt. Auf der Grundlage von Zeichnungen, die vor Ort entstehen, oder von Fotos, entwickle ich die erste Druckform auf dem Holz. Erst während des Druckens entsteht dann das endgültige Motiv. Die Technik der verlorenen Form erlaubt es nicht, Schritte rückgängig zu machen. Jeder Holzschnitt wird so einmalig in einer Auflage von zehn Blatt gedruckt.

Bei den Holzschnitten stehen Blicke in die Natur, so bei Dolomiten und Osterzgebirge, gleichwertig neben Blicken auf Abrisshäuser und verlassene Bauten. Ausgehend vom Gegenstand führen Abstraktion und das Eingehen auf Stimmungen zum endgültigen Bild. Die Formen werden vereinfacht und in den Tönen behutsam aufeinander abgestimmt. Stille entsteht als Kontrast zur äußeren Welt. In manchen Blättern, wie Warnemünde und Oberlausitz mit den historisch wirkenden Kränen, berühren sich die so unterschiedlich wirkenden Felder Technik/Mechanik und Landschaft.

Bei meiner ganzen Arbeit, in Linolschnitten/-stichen und Holzschnitten, interessieren mich grafische Strukturen: Der Blick wird darauf gerichtet, dass Schönheit von Natur und Landschaft auch an Orten zu erleben ist, die zumeist übersehen oder als störend empfunden werden. Selbst Industriebrachen gehören dazu. In dieser Sicht auf die Welt fehlt der Mensch. Er ist nur präsent in seinen technischen und architektonischen Hinterlassenschaften. Die Melancholie der Darstellungen, der manchmal träumerische Klang, resultieren gerade daraus.

Die Serie ist ein Jahrhunderte altes Gestaltungsmittel in der grafischen Kunst. Immer neue Motive und Ausdrucksformen zu finden, zu erfinden und weiterzuführen, zu variieren und zu entwickeln, ist eine selbst gestellte Aufgabe, die gegenwärtig im Rahmen des Meisterschüler- Studiums bei Professor Ulrich Hachulla an der HGB in Leipzig ansteht und erprobt wird.

Beide Darstellungsformen und Techniken, Linolschnitt/-stich und Holzschnitt, werden als Projekt verstanden, das sich offen entwickelt.

Stephanie Marx (2007)

 

 

Arbeiten (Ausw.)
 
 
 
Stephanie Marx
Ruine
Holzschnitt
70x100 cm
Auflage: 10
2007
 
 
Stephanie Marx   Warnemünde
 
Stephanie Marx
Warnemünde
Holzschnitt
70x100 cm
Auflage: 10
2007
 
 
 
Stephanie Marx
Leipzig Universität
Holzschnitt
70x90 cm
Auflage: 10
2006
 
 
 

Biographie
* 1975 Dresden
1995-1999 Studium Kommunikationsdesign, FHTW Berlin (Dipl.)
1999-2003 Studium Hochschule für Graphik und Buchkunst Leipzig (HGB), Typographie/Freie Grafik (Dipl.)
Seit 2004 Graphikerin für F. A. Brockhaus AG
Stephanie Marx lebt und arbeitet in Leipzig. Sie ist Meisterschülerin an der HGB bei Prof. Ulrich Hachulla.

Ausstellungen/Projekte (Ausw.)
2001 "Eines der schönsten Bücher 2001", Stiftung Buchkunst, Frankfurt/M. (mit Andrea Bernscherer)
2002 Lady Macbeth von Mzensk, Fachklassenausstellung, HGB Leipzig (B)
2002 Klasse Grafik, Zella-Mehlis (B)
2002 100 beste Plakate Deutschland/Österreich/Schweiz, Berlin (mit Andrej Loll)
2003 Diplomausstellung, HGB Leipzig (B)
2003 Fachklassenausstellung, Kulturhaus am Markt, Wernigerode
2003 Klasse Grafik und Gäste, Berufsakademie, Leipzig (B)
2004 Galerie Art-In, Meerane (B)
2004 Oskar-Picht-Gymnasium, Pasewalk
2005 Kunstverein Bretten (B)
2005 Druckgrafik, Galerie grounded, Chemnitz
2005 Neue Bilder, Galerie grounded, Chemnitz (B)
2006 BERLINER LISTE 06 (B)
2006 Goodbye Limbacher Straße, Galerie grounded, Chemnitz (B)
2007 TechnikLandschaften, Landtag, Dresden
2007 Villa Esche, Chemnitz
2007 Ausscheid Vordemberge-Gildewart-Preis (B)

 
 

Presse zur Ausstellung (Ausw.)
Jens-Uwe Sommerschuh, in: Sächsische Zeitung, 12/03/07

 
 
 

 
© 2007 Galerie grounded