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Bekenntnis zur
Wirklichkeit - Mechanik ist schön Die künstlerische Auseinandersetzung
mit dem Heute kann auch mit traditionellen Mitteln geführt werden.
Die Techniken des Holzschnittes und des Linolschnittes/-stiches
bieten viele Möglichkeiten, die sich erst erschließen, wenn man
sie ernsthaft erprobt. Der Blick zurück wird so zum Blick nach vorn.
Noch existieren an der Hochschule für Grafik und Buchkunst (HGB)
Leipzig die gut ausgestatteten Werkstätten.
Meine Arbeit
verstehe ich als eine Suche nach Möglichkeiten, die eigenen Bildwelten
in diesen künstlerischen Techniken zu verwirklichen. Die Bilder
bleiben gegenständlich lesbar, führen den Betrachter jedoch in eine
Scheinwelt.
Der Linolschnitt/-stich
kann durch Exaktheit bestechen und funktionale sowie räumliche Zusammenhänge
verdeutlichen. Ausgangspunkt meiner Arbeit auf diesem Gebiet war
ein russisches Lehrbuch über die Montage von Traktoren. Die darin
enthaltenen Explosionszeichnungen geben konkrete Handlungsanleitungen.
Zugleich geht von ihnen eine ästhetische Faszination aus, die mich
dazu anregte, sie ins Phantastische zu übersteigern und zu verwandeln.
Mich fesselt
die Mechanik von Maschinen, deren reale Existenz bisweilen lange
Jahre zurückliegt. Im Gegensatz zu moderner Technik sind die Kraftwirkungen
alter Apparate und Fahrzeuge optisch nachvollziehbar. Ein Speicherchip
ist abstrakt - aber ein Zahnrad greift ins andere. In meinen Arbeiten
bleibt die Präzision solcher Darstellungen erhalten, aber die Kräfte
wirken ins Leere. Die Technik wird mit fremden Elementen kombiniert.
Ergebnis ist eine imaginäre Welt: Fahrzeugteile formen sich zu einem
röhrenden Hirsch und Pflanzen wachsen üppig aus Rohren, Rädern,
Federungen und Stangen. Auf ungeahnte Weise kommen Mensch und Natur
in Übereinstimmung.
Die Vorlagen
für die Druckstöcke entstehen erst im Kopf und dann am Rechner.
Details technischer Zeichnungen werden neu kombiniert und aus ihrem
ursprünglichen Zusammenhang gelöst.
Als nächstes
ist ein Projekt geplant, das an solche Erfahrungen anknüpft und
sie weiterführt. Linolschnitte/-stiche sollen einerseits in ihrer
Feinlinigkeit erhalten bleiben, andererseits ins Große übersteigert
werden. Da das Format der Pressen dafür nicht ausreicht, wird jedes
Blatt im Handabrieb entstehen. Der Arbeitsaufwand ist erheblich.
In dieser Dimension müssen die traditionellen Techniken beweisen,
dass sie ihren Platz in der Gegenwart behaupten können.
Mehr und mehr
sind metallene Überbleibsel jüngerer Vergangenheit nur noch in Büchern
oder real auf Schrottplätzen zu finden. Anders in Brasilien: dort
kann ein alter Bus am Straßenrand liegen. Ein mehrwöchiger Studienaufenthalt
2004 führte zu ersten großformatigen Holzschnitten. Erlebnis, Erinnerung
und Phantasie überlagern sich: Tropische Gewächse greifen in die
Mechanik ein.
Neben den zartgliedrigen,
skurrilen Linolschnitten/-stichen machen große, farbige Holzschnitte
seitdem ein zweites Hauptfeld meiner Arbeit aus. Ein poetischer
Grundton herrscht vor: Es entstehen in dieser Technik monumentale
Formen durch Vereinfachung sowie zurückgenommene Farben.
In den großen
Holzschnitten arbeite ich mit unterschiedlichen Mitteln von Raum-
und Flächensuggestion. Die Struktur des Holzes bleibt vielfach sichtbar,
erscheint aber nicht als künstlich, sondern integriert sich in die
Darstellungen. Auf solche Wirkungen hin werden schon die für den
Schnitt verwendeten Druckstöcke/-bretter ausgewählt. Auf der Grundlage
von Zeichnungen, die vor Ort entstehen, oder von Fotos, entwickle
ich die erste Druckform auf dem Holz. Erst während des Druckens
entsteht dann das endgültige Motiv. Die Technik der verlorenen Form
erlaubt es nicht, Schritte rückgängig zu machen. Jeder Holzschnitt
wird so einmalig in einer Auflage von zehn Blatt gedruckt.
Bei den Holzschnitten
stehen Blicke in die Natur, so bei Dolomiten und Osterzgebirge,
gleichwertig neben Blicken auf Abrisshäuser und verlassene Bauten.
Ausgehend vom Gegenstand führen Abstraktion und das Eingehen auf
Stimmungen zum endgültigen Bild. Die Formen werden vereinfacht und
in den Tönen behutsam aufeinander abgestimmt. Stille entsteht als
Kontrast zur äußeren Welt. In manchen Blättern, wie Warnemünde und
Oberlausitz mit den historisch wirkenden Kränen, berühren sich die
so unterschiedlich wirkenden Felder Technik/Mechanik und Landschaft.
Bei meiner ganzen
Arbeit, in Linolschnitten/-stichen und Holzschnitten, interessieren
mich grafische Strukturen: Der Blick wird darauf gerichtet, dass
Schönheit von Natur und Landschaft auch an Orten zu erleben ist,
die zumeist übersehen oder als störend empfunden werden. Selbst
Industriebrachen gehören dazu. In dieser Sicht auf die Welt fehlt
der Mensch. Er ist nur präsent in seinen technischen und architektonischen
Hinterlassenschaften. Die Melancholie der Darstellungen, der manchmal
träumerische Klang, resultieren gerade daraus.
Die Serie ist
ein Jahrhunderte altes Gestaltungsmittel in der grafischen Kunst.
Immer neue Motive und Ausdrucksformen zu finden, zu erfinden und
weiterzuführen, zu variieren und zu entwickeln, ist eine selbst
gestellte Aufgabe, die gegenwärtig im Rahmen des Meisterschüler-
Studiums bei Professor Ulrich Hachulla an der HGB in Leipzig ansteht
und erprobt wird.
Beide Darstellungsformen
und Techniken, Linolschnitt/-stich und Holzschnitt, werden als Projekt
verstanden, das sich offen entwickelt.
Stephanie Marx
(2007)
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