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Klaus Hähner-Springmühl
wurde Anfang der achtziger Jahre zum gefeierten Star der wahrhaft
nonkonformistischen Kunstszene Ostdeutschlands. Seine Fotoübermalungen
und nicht zuletzt seine Performances galten als unmißverständliche
künstlerische Ansagen gegen die saturierte Kunst- und Gesellschaftswelt
der DDR. Er verschloß sich dabei nicht dem ostdeutschen Kunst- und
Verkaufsbetrieb, behielt aber eine weitgehend autarke Stellung im
Produktionsprozeß wie er auch den Ankauf durch staatliche Stellen
ablehnte. Legendenumwoben bis heute sind die Aktionen und Performances,
die nahezu unvermeidlich zu Eklats führten, weil sie einen drastischen
Gegenentwurf zu offiziellen Kunstvorstellungen bildeten.
Hähner-Springmühl
hatte schon zeitig prominente Fürsprecher wie Klaus Werner,
die die durchdachten wie sensiblen Strukturen seiner exzessiven,
mehrdimensionalen Kunst erkannten, blieb aber nie im Windschatten
seiner Förderer haften. Der gebürtige Zwickauer zählte auch zu den
wenigen DDR-Künstlern, die bereits Anfang der 80er – allein durch
kleine Teile seines Werks – in den USA bei Kennern (u. a. Leo Castelli,
der Rauschenberg, Rosenquist, Stella oder Warhol vertrat) bekannt
waren. Auch das gemeinsame Buch mit Heiner Müller, das Mitte
der achtziger Jahre entstand, ist nur vor dem Hintergrund einer
separaten Position in der Szene zu verstehen.
Die gravierenden
Auswirkungen der politischen Wende für den ost- und gesamtdeutschen
Kunstbetrieb wurden von ihm - wie von den meisten "Marktteilnehmern"
- wohl nicht in ihrer Gänze überblickt. Ein zur Wendezeit von Gerd
Harry Lybke stark umworbener Wechsel zur Galerie EIGEN+ART (Leipzig)
platzte daher auch an seinen Vorstellungen künstlerischer und lebensprogrammatischer
Selbständigkeit. Sein Bild in der Kunstöffentlichkeit verrückte
zunehmend.
Die nun dominierenden Ausstellungsmacher, die häufig theoretisierter
Konzeptkunst verpflichtet waren und sich zudem stark am Programmsystem
jüngerer Galeriegründungen orientierten, verkannten oder
mißachteten sein Werk, das nach 1989 freilich keinen gesellschaftlichen
Sprengstoff mehr bot. In
den Neunzigern zog er sich in einem schwierigen Prozeß aus dem Kunstbetrieb
nahezu vollständig zurück, das extrovertierte wich einer introvertierten
Einstellung.
Unwidersprochen
bleibt die Tatsache, daß er mit seiner freien wie weiten Auffassung
von Kunst in der als Staat auslaufenden DDR neue Standards gesetzt
und eine "anders denkende" Generation junger Künstler
im sächsischen Raum beeinflußt wie ermöglicht hat. Cornelia Schleimes
sarkastisches Resümee ist folglich als Anspielung auf jene
Künstlerpersönlichkeiten zu verstehen, die zu DDR-Zeiten an
den Fleischtöpfen saßen, offiziell ausgestellt wurden, nicht selten
Reisefreiheit genossen, ein im Grunde ungefährliches Werk pflegten,
aber nach der Wende aus durchsichtigen Gründen einen schweren Verfolgungsstatus
reklamierten - ein diametraler Lebensentwurf zu Hähner-Springmühl.
Trotz der vergleichsweise
geringen Präsenz zwischen 1992 und 2005 beweist sich heute,
daß seine Kunst alles andere als historisch oder vergessen war.
Inzwischen findet Hähner-Springmühls Werk wieder mehr
Aufmerksamkeit wie u. a. die umfangreiche Beteiligung an der Ausstellung
"Kunst in der DDR" in Berlin (Neue Nationalgalerie) und Bonn (Kunst-
und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland) belegt.
Wir zeigten neben großformatigen Fotoübermalungen, die bislang
nicht öffentlich zu sehen waren und für Kenner den künstlerischen
Höhepunkt seines Schaffens markieren, auch eine Serie von Bildern,
deren Existenz wohl eher Insidern bekannt gewesen sein dürfte. Ergänzt
wurde die Werkschau durch ein Konvolut kleinformatiger Graphiken,
Fotoübermalungen, Dokumente der Ausstellung bei Eigen + Art
(Leipzig) von 1988, Unikate und Zeichnungen.
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Biographie
*1950 Zwickau
1964 Berufsausbildung als Maurer mit Abitur, Amateurboxer (Halbschwergewicht)
1969-1972 Studium Bauwesen, Cottbus (abgebr.); erste künstlerische
Gemeinschaftsarbeiten mit Michael Freudenberg
1972 Umzug nach Karl-Marx-Stadt
1972 Beginn einer mehrseitigen Zusammenarbeit mit Erich-Wolfgang Hartzsch
1972-1983 kollektive Arbeitsformen, u. a. mit A. R. Penck (Helgolandstraße
Dresden)
seit 1976 Improvisationsmusik in wechselnden Besetzungen, u. a. Kartoffelschälmaschine
(mit Gitte Hähner-Springmühl, Frank Raßbach)
1982 freiberuflicher Künstler
1992 einjähriger Aufenthalt in Japan
Lebt und arbeitet in Leipzig
Ausstellungen
(Ausw.)
1980 Clara Mosch Galerie, Karl-Marx-Stadt
1980 Drawing, Pecs (B)
1982 Frühstück im Freien, Leonhardi-Museum, Dresden (B)
1983 Klub der Intelligenz Pablo Neruda, Karl-Marx-Stadt
1984 Künstler fotografieren Künstler, Galerie Mitte, Dresden
(B)
1984 Retrospektive 1945-1984, Museum am Theaterplatz, Karl-Marx-Stadt
(B)
1985 intermedia, Coswig (B)
1986 Gemeinschaftsarbeiten, Galerie EIGEN+ART, Leipzig (B)
1986 Galerie Oben, Karl-Marx-Stadt
1987 Galerie Theaterpassage, Leipzig
1988 Baugrube II, Arbeitsraum, Galerie EIGEN+ART, Leipzig
1988 Galerie Weißer Elephant, Berlin
1989 Der eigene Blick, Berliner Kritiker zeigen Kunst ihrer Wahl,
Ephraim-Palais, Berlin (B)
1989 Stand der Dinge, Galerie Junge Kunst, Frankfurt/O. (B)
1989 Fotografie in Aktion, Haus der jungen Talente, Berlin (B)
1989 40 unter 40, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Kupferstichkabinett
(B)
1990 40 unter 40, Leverkusen/Schloß Morsbroich, Hamburg/Kunsthalle
(B)
1990 Neuerdings Chemnitz, Galerie auf der Praterinsel, München
(B)
1990 Die Kerbe im Boot, Galerie Nikolaus Sonne, Berlin (B)
1991 Konservenfabrik Feinkost, Leipzig (B)
1991 Galerie 88, Hanau
1991 Fotoforum, Bremen
1992 Schnittpunkt Köln, Galerie Barthel und Tetzner, Köln
(B)
1993 Das letzte Jahrzehnt, Ostdeutsche Photographie der achtziger
Jahre, Fotomuseum, Frankfurt/M. (B)
1995/1996 Box-Kunst-Event, Essen/Köln (B)
1997 Der Ausflug (Im Namen der Jungfrau), Galerie ARTCO, Leipzig
1997 Voxxx, Galerie, Chemnitz
1999 3 Tage und 3 Nächte, Kunstverein Herzattacke, Berlin
2002 Nach 25 Jahren, Meisterwerke der Graphischen Sammlung, Kunstmuseum
Cottbus (B)
2004 Kunst in der DDR, Neue Nationalgalerie, Berlin (B)
2004 Galerie grounded, Chemnitz (B)
2005 Kunst in der DDR, Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik
Deutschland (B)
2005 Aletheia, Stadtmuseum Jena (B)
2005 Arbeiten 1985-1997, Galerie grounded, Chemnitz
2005 Künstlerplakate aus der DDR, Neues Museum Nürnberg
(B)
Aktionen
und Performances (Ausw.)
1979 "Luxus", Atelier Helgolandstraße, Dresden (mit
Michael Freudenberg, A. R. Penck)
1983 Klub der Intelligenz Pablo Neruda, Karl-Marx-Stadt (u. a. mit
Frank Raßbach, Michael Morgner, Thomas Ranft
1983 "Aktion Fuchsbau", Studentenclub Fuchsbau, Karl-Marx-Stadt
(u. a. mit Gitte Hähner-Springmühl, Erich-Wolfgang Hartzsch,
Frank Bretschneider)
1984 "Heilsarmee", Evangelische Studentengemeinde Karl-Marx-Stadt
(u. a. mit Frank Bretschneider, Frank Raßbach)
1985 "Der Dreck muß weg", intermedia, Coswig (u.
a. mit Frank Raßbach)
1985 "Wir sind uns alle einig", Pauli-Kreuz-Kirche, Karl-Marx-Stadt
(u. a. mit Frank Bretschneider, Frank Raßbach, Axel Martini,
Lüder Schlenstedt)
1987 "Wir sind gut vorbereitet", Galerie Oben, Karl-Marx-Stadt
(u. a. mit Silke Dikomey, Frank Raßbach, Tobias Tetzner)
1987 "Das rote Brett", Galerie Theaterpassage, Leipzig
(mit Frank Raßbach)
1987 "Das Ende der Vernunft", Evangelische Studentengemeinde
Karl-Marx-Stadt (u. a. mit Frank Raßbach, Hans-Jochen Vogel)
1987 "Soll und Haben", Kreiskulturhaus Treptow, Berlin
(u. a. mit Gitte Hähner-Springmühl, Frank Raßbach)
1987 "So wie's im Buche steht", Galerie Hermannstraße,
Karl-Marx-Stadt (u. a. mit Frank Raßbach)
1987 "Eine Reise zum Mond", Kulturhaus Steinstraße,
Leipzig (u. a. mit Frank Raßbach)
1987 "Das Wasser zum Kochen bringen", Evangelische Studentengemeinde,
Karl-Marx-Stadt (u. a. mit Frank Raßbach)
1988 "Hypnose", Moritzbastei, Leipzig (u. a. mit Annelie
Harnisch, Frank Raßbach)
1988 "Grünklee", Galerie EIGEN+ART, Leipzig (u. a.
mit Frank Raßbach)
1988 "Kreis-Zeichen", Steinstraße, Leipzig (u. a.
mit Frank Raßbach)
1988 "Feierabend", Brühlsche Terrasse, Dresden (u.
a. mit Annelie Harnisch, Frank Raßbach)
1989 "Kontrast", Galerie Nord, Leipzig (u. a. mit Frank
Raßbach)
1989 "Turmbau zu Babel", Galerie Elephanten-Press, Westberlin
(u. a. mit Frank Raßbach)
1991 "Juli 1991", Fotoforum Böttcherstraße,
Bremen (u. a. mit Andreas Hartzsch, Frank Raßbach, Wolfgang
Stemmer)
1991 "Brandstelle", Kulturzentrum Hauptfeuerwache Mannheim
(mit Gitte Hähner-Springmühl, Erich-Wolfgang Hartzsch,
Frank Raßbach)
1991 "Feuerwerk", Ost-West-Konferenz, Breslau (u. a. mit
Erich-Wolfgang Hartzsch, Frank Raßbach)
1992 "Musik-Aktion", Galerie Oben, Chemnitz
1992 "Duo", Galerie Barthel + Tetzner, Köln (mit
Erich-Wolfgang Hartzsch)
1996 "Kommerz-Tanz", Galerie Oben, Chemnitz
1997 "Im Namen der Jungfrau", Galerie ARTCO, Leipzig
Originalgraphische
Editionen/Bücher/Kataloge/Literatur/Zeitschriften (Ausw.)
Kommentar, Text von Heiner Müller, Edition Sascha Anderson,
Berlin 1985.
A DREI 2/86/9; u. a. mit Kerstin Hensel, Jan Kummer, Steffen Volmer,
Karl-Marx-Stadt 1986.
second hand, Text von Joerg Waehner, Berlin/Karl-Marx-Stadt 1986.
Masse, Katalog, Text von Gunar Barthel, Karl-Marx-Stadt 1987.
Klaus Hähner-Springmühl, Galerie Weißer Elefant;
mit einem Text von Klaus Werner ("Die Ordnung der Ungleichmuskler
oder der kostbare Stillstand"), Berlin (Ost) 1987.
A DREI 2/87/12; u. a. mit Frank Bretschneider, Jan Kummer, Florian
Merkel, Steffen Volmer, Karl-Marx-Stadt 1987.
Karl-Marx-Städter Graphikkalender, Edition Süd, 1988 (B).
Fünf Künstler aus Karl-Marx-Stadt in Düsseldorf,
Katalog, Karl-Marx-Stadt/Düsseldorf 1990 (B).
Klaus Hähner-Springmühl, Juli 1991, Katalog, Bremen 1991.
Blickwechsel, 13 Künstler aus Sachsen, Katalog, Köln/Berlin
1991 (B).
Klaus Hähner-Springmühl, Katalog, Text von Barbara Köhler,
Köln/Berlin 1992.
Neue Bildende Kunst, Zeitschrift für Kunst und Kritik, Text
von Barbara Köhler, Berlin 1992 (Z).
Amerika ist ein U-Boot im Goldfischteich; Text von Joerg Waehner
und einem Gespräch mit Heiner Müller, Berlin 1992.
Kuehn, K.-G., Caught, The Art of Photography in the German Democratic
Republic, The University of California Press, Berkeley 1997 (L).
Christoph Tannert, Klaus Hähner-Springmühl, in: Herzattacke,
Kunst- und Literaturzeitschrift, IV/1999.
Klopfzeichen, Kunst und Kultur der 80er Jahre in Deutschland, Leipzig
2002 (L).
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